Reisen
Ich bin von "Hans Fallada" zu "Ernst Jünger" gesprungen, von "Ricarda Huch" zu "Leonhard Frank". So habe ich mich letztendlich entschieden, eigene „Reisen“, acht an der Zahl, durch die Literatur der Weimarer Republik zu unternehmen, sodass dieses Buch auch seinen Untertitel gefunden hatte. (Jörg Mielczarek)

zu den Reisen:
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5. Reise

Kurt Tucholsky >>> Georg Trakl >>> Rainer Maria Rilke >>> Joachim Ringelnatz >>> Gottfried Benn >>> Stefan George >>> Christian Morgenstern

Mit der Abkehr vom Expressionismus hin zur Neuen Sachlichkeit, der damit verbundenen Hinwendung der Literatur zum politischen Engagement, verlor die Lyrik ihre Stellung als wichtigste Literaturgattung an den Roman. „Niemand leugnet mehr, daß von allen Kunstformen die verlassenste und die verkannteste heute die Lyrik ist“, schreibt der Essayist Yvan Goll 1926 in „Die literarische Welt“. Dies bei aller Vielfalt und einer Fülle von Gedichtbänden, die nach wie vor verlegt wurden.

Die Versachlichung der Literatur fand aber auch in der Lyrik Einzug, der Begriff Gebrauchslyrik entstand. Als solche bezeichnet man Gedichte, die zu einem bestimmten Zweck verfasst wurden, und die für den Leser von Nutzen, also zu „gebrauchen“ sind. Dieser Begriff, 1927 von Bertolt Brecht anlässlich eines Lyrikwettbewerbs geprägt, zeigt deutlich die inhaltliche Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen.

So kommt es nicht von ungefähr, dass es sich hierbei oft um gesellschaftskritische, von politischen Positionen durchzogene Lyrik handelt, beispielsweise bei Kurt Tucholsky oder auch bei Erich Kästner. Dieser kann mit dem neuen Begriff so gar nichts anfangen, wie eine „prosaische Zwischenbemerkung“ in seinem 1929 erschienenen Gedichtband Lärm im Spiegel zeigt: „Man hat für diese Art von Gedichten die Bezeichnung `Gebrauchslyrik’ erfunden, und die Erfindung zeigt, wie selten in der jüngsten Vergangenheit wirkliche Lyrik war. Denn sonst wäre es jetzt überflüssig, auf ihre Gebrauchsfähigkeit wörtlich hinzudeuten.“

Andere Autoren, wie beispielsweise Gottfried Benn, wenden sich in ihrer Dichtung wieder strengeren, anspruchsvolleren Formen zu, wie wir sie auch bei Stefan George vorfinden, der sich in seiner Lyrik bewusst von der Alltagssprache abgrenzt. Beiden Lyrikern nach – auch Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal zählen hierzu – ist Dichtung als unpolitisch anzusehen.

Lassen Sie uns auf dieser fünften Reise durch die Literatur der Weimarer Republik den Spuren einzelner Lyriker und ausgewählter Gedichte folgen.