Reisen
Ich bin von "Hans Fallada" zu "Ernst Jünger" gesprungen, von "Ricarda Huch" zu "Leonhard Frank". So habe ich mich letztendlich entschieden, eigene „Reisen“, acht an der Zahl, durch die Literatur der Weimarer Republik zu unternehmen, sodass dieses Buch auch seinen Untertitel gefunden hatte. (Jörg Mielczarek)

zu den Reisen:
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3. Reise

Gertrud von le Fort >>> Ricarda Huch >>> Else Lasker-Schüler >>> Anna Seghers >>> Marie-Luise Fleißer

Mit der ersten deutschen Republik gingen viele gesellschaftliche Veränderungen einher, insbesondere für Frauen. So erhielten sie im November 1918 das aktive Wahlrecht zugesprochen, und laut der Weimarer Verfassung beruhte die Ehe auf der Gleichberechtigung der Geschlechter. 82 Prozent der Frauen nahm an der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung teil, und dieser gehörten dann 41 Frauen an (das entspricht 9,6 Prozent aller Abgeordneten). Das hört sich wenig an, ist aber ein Anteil, der in der Bundesrepublik erst 1983 wieder erreicht wurde. Immer mehr Frauen waren krankenversichert, nahmen schließlich immer mehr am Berufsleben teil: Die Gesamtzahl der Lohnarbeiterinnen in Industrie und Handwerk stieg gegenüber zur Vorkriegszeit um 48 %. Allerdings blieben akademische Karrieren, sieht man vom Lehrerberuf ab, doch eher die Ausnahme.

Gleichberechtigt war die „neue Frau“ dennoch nicht: Das Bürgerliche Gesetzbuch legte die Unterordnung der Ehefrau fest, zur Erwerbstätigkeit war das Einverständnis des Ehemanns einzuholen, juristische Berufe standen den Frauen erst gar nicht offen. Während die Volks- und Mittelschulen von Jungen und Mädchen gleichermaßen besucht wurden, betrug der Anteil der Mädchen an höheren Schulen lediglich 33 Prozent. Frauen verdienten etwa ein Drittel der Gehälter der Männer in vergleichbaren Positionen. Und die katholische Kirche lehnte die „unnatürliche Gleichstellung mit dem Mann“ kategorisch ab.

Frau aber wurde selbstbewusster, scheute sich auch nicht vor männlichen Symbolen wie Rauchen, Sport treiben oder Auto fahren. Schriftstellerinnen wie Vicki Baum zeichneten das Bild der Frau nach, die zielstrebig, kritisch und selbstbewusst im Berufsleben steht, und gleichzeitig Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren versteht. Auch Frauen taugten in dieser Zeit zum Helden: 1930 gelang Marlene Dietrich mit dem ersten großen deutschen Tonfilm Der blaue Engel der Durchbruch zum Weltstar.

Sie werden sich fragen, warum auf meiner 3. Reise durch die Literatur der Weimarer Republik – den Werken von Frauen vorbehalten – bekannte Schriftstellerinnen wie oben genannte Vicki Baum (eine Bestsellerautorin in der damaligen Zeit), Elisabeth Langgässer, Erika Mann oder Irmgard Keun – um nur einige zu nennen – fehlen. Nun, der Grund ist einfach: Ich habe nie etwas von ihnen gelesen. Aber das kann ich nachholen, denn viele Werke sind nach wie vor lieferbar. Ein Dank an die Verlage!

Gelesen habe ich als Junge, in Ermangelung an eigenem Lesestoff meinen beiden Schwestern aus ihren Zimmern stiebitzend, die Nesthäkchen-Romane von Else Ury, Trotzkopf-Bücher von Emmy Rhodens und auch Goldköpfchen von Magda Trott. Ich gestehe es ein. Schuldig!