Wilhelm Speyer (1887 – 1952) (2. Reise)

Der Kampf der Tertia (Roman, 1927)


Hörbuch Kapitel Wilhelm Speyer
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Ich liebe es, in Taschenbuchsäulen zu wühlen. Sie zu drehen, Bücher herauszuziehen - nur aufgrund des Titels - und neue, mir unbekannte Autoren zu entdecken. Diese Säulen gibt es heutzutage leider viel zu selten, vor allem die großen Buchhandelsketten bevorzugen eine andere Art der Präsentation (um zu verdecken, dass sich ihr Titelbestand um ein Drittel reduziert hat: Mit dem Verkauf von Bestsellern lassen sich nun mal höhere Renditen erzielen als mit einem in die Breite gehenden Sortiment. So etwas passiert, wenn zu viele Unternehmensberater durch Buchhandlungen spazieren). Bin ich froh, dass das mal anders war, ich hätte sonst niemals Wilhelm Speyers Kampf der Tertia gefunden. Und wäre um ein Lesevergnügen ärmer gewesen.

Der Fellhändler Biersack überzeugt die Bezirksbehörden von einer anstehenden Tollwutseuche. Freilaufende Hunde sollen erschossen, Katzen zum Totschlagen zur Kiesgrube gebracht werden. Jedes tote Tier wird dem Überbringer mit 10 Pfennig vergütet. Die Tertia eines ländlichen Schulinternats entschließt sich unter ihrem „Großen Kurfürsten“, dem dicken Anführer der Bande, zum Handeln. „Seid gut zu den Tieren“, lesen die Städter eines Morgens in sechs Sprachen auf ihren Häuserwänden, auf öffentlichen Anschlägen und Plakaten. „Eine letzte Warnung Europas sollte in der Nacht über sie kommen, bevor der Krieg begann.“

Es kommt tatsächlich zum Kampf der Tertia, und zwar mit den Schülern der Knötzingianer, den Stadtjungen, die das Retten der Katzen in das von den Internatsschülern eingerichtete Waldasyl verhindern wollen. Diese „Schlacht“ wird durch die bogenbewaffnete Daniela entschieden, das Mädchen der Tertia, das sich ihren Mitschülern anschließt. Alle Tiere können gerettet werden, eine Untersuchung beweist schließlich, dass die Tollwutdiagnose irrtümlich gestellt wurde.

Vor allen Dingen der Zusammenhalt der Schüler hat mich in diesem Buch berührt und zum Schmunzeln gebracht: „Die Tertia hatte eine der größten Erfindungen gemacht, die je in den Gehirnen von Knaben entstanden war. Um sich Straffreiheit für ihre Verbrechen zu erwirken, zeigte sie sich musterhaft in den Unterrichtsstunden. Schläfrig blinzelnd hatte der Große Kurfürst den Grundsatz aufgestellt: „Man muss arbeiten!“ Reppert hatte diesen Gedanken sofort zum Gesetz erhoben. Er entwarf einen Arbeitsplan für die ganze Klasse. Er organisierte den Schutz der Schwachen. Wer in irgendeinem Fache bewandert war, hatte die Verpflichtung, den Zurückgebliebenen Nachhilfeunterricht zu erteilen. Die Begabten, die nur während eines Bruchteils der Arbeitsstunde mit ihren Aufgaben beschäftigt waren, hatten die Pflicht, sich denjenigen sogleich zur Verfügung zu stellen, die ihre Studien noch nicht beendigt hatten. Jedermann gab mit Strenge darauf acht, daß keiner zurückblieb. Man hielt wöchentlich eine Volksversammlung ab, an der ein jeder teilzunehmen hatte. Es war eine Zusammenkunft, bei welcher die Schüler, als seien sie ihre eigenen Lehrer, über sich selbst berieten. Sie stellten ihre eigenen Fehler fest. Beispielsweise trat einer hervor und sagte: „Ich habe nichts kapiert, was Dr. Wunder von der Ionentheorie erklärt hat. Wer kann mir helfen?“ Oder: „Ich habe geschlafen, als von Opitz die Rede war. In welchem Buch kann ich das nachlesen?“

Da schreibt ein Autor, der Kinder und Jugendliche ernst nimmt!

Der Kampf der Tertia wurde zweimal verfilmt, das erste Mal bereits ein Jahr nach Erscheinen des Buches. Das zweite Mal im Jahr 1952, Regie führte Erik Ode (den meisten von uns als Der Kommissar bekannt).

Sein Buch hat Wilhelm Speyer Bruno Frank gewidmet. Leider habe ich keine Verbindung zwischen beiden Autoren recherchieren können. Wahrscheinlich kannten beide einander über den Rowohlt Verlag, in dem ihre Bücher in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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