Stefan Zweig (1881 – 1942) (4. Reise)

Angst (Novelle, 1925)

Als Zweigs Novelle 1928 erstmals verfilmt wurde (weitere Verfilmungen erfolgten in den Jahren 1936, 1954 und 1978) hielt sie ein französischer Kritiker für ein Werk Arthur Schnitzlers. Tatsächlich sind Parallelen zu Fräulein Else erkennbar. Wie Schnitzler, mit dem Zweig befreundet war, wird in Angst mit dem Ehebruch ein Tabuthema aufgegriffen. Und wie Else ist auch Irene einem Zwang unterworfen, der sie aus der hergebrachten Ordnung ihres Lebens herausreißt.

Irene Wagner, Frau eines Rechtsanwalts und Mutter zweier Kinder, lässt sich aus Langeweile und Eitelkeit auf ein Verhältnis mit einem jüngeren Musiker ein. So ist die Angst vor Entdeckung, die sie empfindet, wenn sie nach ihren Besuchen das Haus des Liebhabers verlässt, zunächst eine Bereicherung ihres Lebens.

In einem dieser Momente stößt Irene mit einer ihr unbekannten Frau zusammen, die sie als Ehebrecherin beschimpft. Irene drückt ihr Geld in die Hand und flüchtet. Ihr erster Entschluss, das Verhältnis per Brief zu beenden, wird schnell verworfen, als die Antwort des Geliebten ihre Eitelkeit trifft. Doch schon bald taucht die unbekannte Frau erneut auf und beginnt, Irene zu erpressen. Die Angst verliert nun den Reiz des Neuen, des angenehmen Abenteuers, Irene fühlt sich mehr und mehr in die Enge getrieben — auch von ihrem Mann, der ihr nach einer Bestrafung der Tochter erklärt: „Die Angst ist ärger als die Strafe, denn die ist ja etwas Bestimmtes und, viel oder wenig, immer mehr als das entsetzlich Unbestimmte, dies Grauenhaft-Unendliche der Spannung.“ Ahnt er etwas von ihrem Verhältnis?

Obwohl Irene den Kontakt zu ihrem Liebhaber abbricht, wird sie weiter erpresst. Werden die Erpressungsversuche Irene zunächst noch per Brief bzw. Boten zugestellt, so sucht die Frau Irene bald auch zu Hause auf. Sie fordert Irenes Verlobungsring, da diese nicht das verlangte Geld im Haus hat. Als Irene ihren Mann nach Hause kommen hört, zieht sie aus Angst vor Aufdeckung des Verhältnisses den Ring ab und drückt ihn der Erpresserin in die Hand. Während des Abendessens fragt ihr Mann, warum sie den Ring nicht trage. Irene lügt, sie habe den Ring zum Putzen gegeben.

Irene kommt mehr und mehr ans Ende ihrer Kräfte. Einer ihrer rastlosen Spaziergänge führt sie unbewusst zum Haus ihres einstigen Geliebten, und sie beschließt, diesen wegen der Erpresserin zur Rede zu stellen. Er öffnet Irene verlegen die Tür – er hat Besuch seiner neuen Geliebten, kann und will ihr nicht helfen.

Irene beschließt, sich zu töten, sucht eine Apotheke auf und besorgt sich Gift. Jemand schiebt sie beiseite und legt das verlangte Geld in die Schale. Es ist ihr Mann. Zu Hause gießt er die Arznei aus und versichert Irene, die Frau würde sie nicht mehr belästigen. Er habe, als er zufällig von ihrem Verhältnis zu dem jungen Musiker erfuhr, eine Schauspielerin beauftragt, die Rolle der Erpresserin zu spielen. Er wollte seine Frau damit zwingen, ihr Verhältnis aufzugeben. Nun sei ihm klar, wie sehr er sie damit gequält habe. Er bereue sein Tun.

Das Ende bleibt offen, weist aber leicht optimistisch darauf hin, dass Irene und ihr Mann ihre Ehe fortsetzen werden.

Die Novelle liegt als Fischer Taschenbuch (ISBN 978-3596104949, 6,95 Euro) und in Reclams Universal-Bibliothek Band 6540 (2,20 Euro) vor.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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