Stefan George (1868 – 1933) (5. Reise)

Du schlank und rein wie eine flamme (Gedicht, 1928)

Wenden wir uns Stefan George zu, mit Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Symbolismus, vielleicht der radikalste unter ihnen. Gemeinsam ihr Bestreben, als Dichter wahrgenommen zu werden. Mit ihrer Kunst versuchten sie nicht, Alltägliches einzufangen, sondern das Schöne mit den Mitteln der Sprache und Worte zu schaffen. „Jeden wahren Künstler hat einmal die Sehnsucht befallen, in einer Sprache sich auszudrücken, deren die unheilige Menge sich nie bedienen würde, oder die Worte so zu stellen, dass nur der Eingeweihte ihre hehre Bestimmung erkenne“, beschreibt George seine Einstellung zur Dichtkunst.

Diese Einstellung und sein Charisma führten dazu, dass sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts gleichgesinnte Dichter um George versammelten und dessen Veröffentlichungen als maßgebend für ihre eigene Kunst ansahen. Die Rollen im so genannten George-Kreis waren also klar verteilt. Immer wieder gab es aber auch Künstler, die sich der persönlichen Vereinnahmung durch George entzogen, beispielsweise Hugo von Hofmannsthal, zu dem sich George auch eine körperliche Beziehung wünschte (was von Hofmannsthal von sich wies). Als sich der Österreicher von Hofmannsthal auch anderen Literaturgattungen als der Lyrik zuwandte, reagierte George ablehnend; der Kontakt zueinander wurde 1906 schließlich abgebrochen.

In dem Gedicht Du schlank und rein wie eine flamme arbeitet George seine Liebe zu dem mit 16 Jahren verstorbenen Maximilian Kronberger auf (Kronberger gehörte trotz seiner Jugend zu jenen Dichtern, die George um sich sammelte und die sich ihm unterzuordnen hatten).

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.

In der ersten Strophe wird der Knabe (darauf weisen der Reis als Phallussymbol sowie das Adjektiv „rein“ hin) beschrieben: Es handelt sich um eine zierliche („schlank“) Person aus gehobenem Elternhaus („vom edlen stamme“). Den fehlenden Verben ist der Tod des Knaben zu entnehmen. Der Tote ist für den Dichter noch allgegenwärtig zeigt Strophe 2, die eine Steigerung in Strophe 3 erfährt, in der George in die Ich-Form fällt, und damit seine Abhängigkeit gegenüber dem toten Knaben zum Ausdruck bringt. Strophe 4 greift die Verse der ersten Strophe in geänderter Reihenfolge auf. Dadurch, dass er den „morgen zart und licht“ an das Ende des Gedichtes setzt, drückt George aus, was ihm an dem Toten am Wichtigsten war: dessen Jugend.

Das Gedicht, das sich wie alle von Georges Werken durch eine hohe stilistische und formale Strenge auszeichnet, ist unter anderem in dem Reclam-Bändchen Stefan George, Gedichte zu finden (ISBN 978-3-15-008444-1, 2,40 Euro). Die Lyrik Georges finden Sie auch im Internet, beispielsweise unter www.gedichte.eu.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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