Robert Walser (1878 – 1956) (4. Reise)

Die Rose (Essays, 1925)

„Es gibt Bücher, … die sinken allmählich in uns hinein und hören und hören nicht auf, in uns hineinzusinken, und wir hören nicht auf, uns darüber zu wundern, dass Bücher ein so unendliches und sanftes Gewicht haben können und dass in uns solche Tiefen zu wecken sind. Was man dabei empfindet, grenzt an Glück“, sagt Robert Walser.

Walser ist einer der verkanntesten Schriftsteller. Von anderen Autoren begeistert gepriesen (unter anderem von Hermann Hesse, Franz Kafka, Robert Musil und Kurt Tucholsky), bleibt ihm der große Erfolg beim Publikum versagt. Das mag an der hohen Aufmerksamkeit liegen, die Walsers Werk beim Leser einfordert. Walser kann über Alltägliches staunen wie ein Kind, seine Entdeckungen verspielt, oft heiter im Ton zum Leser transportieren, fängt damit aber nicht die Realität ein, weil sich diese nicht fassen lässt. Alles besitzt für Walser nur für einen Augenblick Sicherheit.

Die Rose ist 1925 im Rowohlt Verlag erschienen. Es ist das letzte Buch, das Walser noch selbst herausgegeben hat. Eindrucksvoll nähert sich Walser in 37 Szenen dem Gegenstand seiner Überlegungen und versucht, diese aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, sodass ich dem Literaturwissenschaftler Wilpert zustimme, der die Texte Walsers als Essays bezeichnet.

In der Titelgeschichte kauft ein Gast von einer Blumenfrau eine Rose, die er der Kellnerin schenkt. Sie bedauert, diese nicht vom ebenfalls im Lokal anwesenden Arthur erhalten zu haben. „Nicht die Aufmerksamen machen den Frauen Eindruck. Wir schauen achtungsvoll auf Achtlose“, sagt sie zu Arthur.

In Die Geliebte erzählt eine Zigeunerin in einem inneren Monolog, dass sie einen reichen Schlossherren geheiratet hat und Gräfin wurde. Die wichtigste Person in ihrem Leben wird dadurch Fredo, aus dessen Liebe zu ihr sie sich vorher nichts machte. „Für eine Frau ist es hübsch, sich vom Herrn ihres Geschickes geachtet und von einem Liebenden verherrlicht zu wissen.“ Sie ist sich bewusst, gegenüber Fredo in Abhängigkeit geraten zu sein: „Der Gatte besaß mich in geringerem Grad, weil er mich – besaß. Er genoß mich nicht halb wie der, dem jeder Anteil versagt, jeder Genuß verboten schien.“

Kurz nach Erscheinen der Essays schreibt Robert Walser: „Die Rose ist eines meiner feinsten Bücher, das nur ältere und sehr vornehme Frauen in die Hand nehmen sollten, weil es an diesem Buch sehr viel zu verstehen und zu verzeihen gibt. Es ist das ungezogenste, jugendlichste aller meiner Bücher, und ich finde es bedenklich, daß Sie sich`s angeschafft haben.“

Gerade das möchte ich Ihnen ans Herz legen (lassen Sie die Texte Walsers ganz tief in sich hineinsinken): Beim Suhrkamp Verlag, der die Rechte an dem Werk Robert Walsers hat, liegt Die Rose als 8. Band der auf 20 Bände angelegten Sämtlichen Werke vor (ISBN 978-3518376089, 6,50 Euro).

Einen guten Überblick über Robert Walser und sein Werk bieten die Internetseiten des Robert-Walser-Zentrums unter www.robertwalser.ch.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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