Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) (5. Reise)

Der Panther (Gedicht, 1902/03)


Hörbuch Kapitel Rainer Maria Rilke
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Rainer Maria Rilke ist einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Lange Zeit tendierte ich dazu, Ihnen seine im Februar 1922 vollendeten Duineser Elegien vorzustellen, oder den kurze Zeit später veröffentlichten Gedichtzyklus Sonette an Orpheus. Aber schließlich siegt doch immer das Herz, und so wenden wir uns meinem Lieblingsgedicht Der Panther zu, wie dem ebenfalls von mir geliebten Gedicht Das Karussel während Rilkes erster Pariser Zeit entstanden.

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lauflos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Das lyrische Ich beschreibt eindrucksvoll ein gefangenes Tier und dessen Existenz in einem Käfig. Der Panther ist ein Dinggedicht („Alle Dinge sind dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinn.“ Rilke), das heißt, ein Gegenstand oder Lebewesen wird objektiv sowohl von außen als auch von innen erfasst und dargestellt.

Vor allen Dingen über Personifikationen und Metaphern gelingt es Rilke, die Fremdbestimmung des Tieres von außen darzustellen. Sei es in Strophe eins „vom Vorübergehn der Stäbe“ (denn schließlich ist es das Tier, das sich bewegt), sei es der Blick des Panthers, der sich bereits lange in diesem Zustand befindet, wie es das Adverb „müde“ ausdrückt, die Metapher „der Vorhang der Pupille“, der bewirkt, dass niemand hineinsehen, man selbst nicht mehr herausblicken kann, „Dann geht ein Bild hinein“, was wie das „Vorübergehn der Stäbe“ die Passivität des Tieres unterstreicht.

Schon längst hat Der Panther aufgehört, in seiner wahren Natur zu existieren. Meint man als Leser in den ersten drei Versen der zweiten Strophe zu erkennen, welch potenzielle Kraft in dem Tier steckt, so wird durch das Paradoxon „betäubt ein großer Wille“ deutlich, dass es lediglich ein Stilmittel ist, um den Kontrast zwischen der natürlichen Lebensform des Tieres, das für ein Leben in Freiheit geschaffen ist, und seiner Gefangenschaft zu verdeutlichen.

Jeder von uns befindet sich in einigen Zwängen, sei es beruflich, sei es privat. Rilkes Der Panther habe ich für mich immer als Aufforderung verstanden, mich von diesen Zwängen nicht zu sehr gefangen nehmen zu lassen. Denn dann droht eine innere Leere.

In Reclams Universal-Bibliothek sind Fünfzig Gedichte erschienen, (ISBN 978-3-15-008291-1, 2,40 Euro); die limitierte Sonderausgabe Die Gedichte kostet 15 Euro (Insel Verlag, ISBN 978-3458173335).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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