Lion Feuchtwanger (1884 – 1958) (6. Reise)

Jud Süß (Roman, 1925)

Menschen können irren. Schriftsteller sind auch nur Menschen.

Ursprünglich hatte ich geplant, Ihnen an dieser Stelle Lion Feuchtwangers Zeitroman Die Geschwister Oppermann, 1933 erschienen, vorzustellen. Der Roman, vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung die Geschichte der Oppermann-Geschwister Gustav, Martin, Edgar und Klara und ihrer Familien erzählend, spiegelt in der Haltung der Romanfiguren auch Feuchtwangers Meinung über die Chancen der Nazis wieder, die Macht im Deutschen Reich an sich zu reißen. Angesichts der enormen Wahlverluste der NSDAP bei den Reichstagswahlen im November 1932 erklärte der Schriftsteller – er hielt sich zu der Zeit in den USA auf – in einem Interview: „Hitler is over.“ Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler warnte ihn der deutsche Botschafter in den USA, nach Deutschland zurückzukehren. Feuchtwanger erkannte seinen Irrtum und erklärte: „Hitler bedeutet Krieg.“

Dass ich Ihnen nun statt Die Geschwister Oppermann ( Klaus Mann: „Die wirkungsvollste, meistgelesene erzählerische Darstellung der deutschen Kalamität.“) Feuchtwangers Roman Jud Süß vorstelle, hängt mit einem weiteren Irrtum zusammen: Dem meines Freundes Michael, der mich vor wenigen Wochen in den Büroräumen meines Verlags besuchte, und im Bücherregal eine Ausgabe des Buches aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte. Das Buch ist dick, zudem fielen ihm wohl die ungewöhnlichen Schrifttypen auf dem Buchrücken auf. Ehe ich mich versah, wurde ich gefragt, warum ich ein derart antisemitisches Werk in meinem Besitz hätte. Ich war – zunächst – sprachlos!

Dass Feuchtwanger oft mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird, liegt zum Einen an der Unkenntnis seiner Person (während der Schulzeit habe ich nichts von ihm gelesen, Feuchtwanger steht wohl nicht auf den Lehrplänen), zum Anderen an dem 1940 gedrehten Film mit dem gleichen Titel, in dem die Nationalsozialisten ihr Judenbild in die deutschen Kinos brachten, sowie dem weit verbreiteten Irrtum, Feuchtwangers Roman hätte hierzu die literarische Vorlage geliefert. Und auch Michaels Meinung, das ergab das Gespräch, entsprang dieser Verfilmung. Diese Meinung ist ein Märchen, und falsch! Grundlage des Films bildet eine, allerdings stark überarbeitete, Novelle von Wilhelm Hauff.

Feuchtwanger, von der Bühne kommend, hatte Jud Süß zunächst als Drama in drei Akten konzipiert (daher taucht das Werk in dieser, meiner sechsten Reise auf). 1917 wurde das Stück in München uraufgeführt, erhielt aber nur mäßige Kritiken. Lediglich Heinrich Mann äußerte sich freundlich. Feuchtwanger erkannte, dass dieser thematisch breite Stoff am besten in einem Roman aufgehoben sei, begann seine Arbeiten im Juli 1921 und beendete sein Manuskript ein Jahr später. Der Roman sollte aber erst 1925 erscheinen, weil der Autor keinen Verlag zur Veröffentlichung fand. Während sich das Buch in Deutschland nur schleppend verkaufte, wurde der Roman in den USA, vor allen Dingen aber in England ein großer Erfolg. Allein im ersten Jahr der Veröffentlichung, 1926, wurde das Buch dort 23 Mal aufgelegt. Der Beginn eines Welterfolgs.

1733, Prinz Karl Alexander tritt gerade die Nachfolge des verstorbenen Württemberger Herzogs Eberhard Ludwig an, beginnt der kometenhafte Aufstieg des Juden Joseph Süß-Oppenheimer (genannt Jud Süß). Dieser Finanzmann, der in Kleidung und Gesten seine Religion verleugnet, hat dem verschuldeten Prinzen Geld vorgestreckt. Nun steigt er zu dessen wichtigstem Berater auf. Mit weltmännischer Offenheit, Intelligenz und Schönheit ausgestattet, laufen bei ihm sämtliche Fäden der Landesregierung zusammen. Mit einer neuen Steuerpolitik presst er das Land aus, ruft dabei zwar den erbitterten Widerspruch der Bevölkerung hervor, verschafft seinem Herrn damit aber auch neue Geldquellen und macht sich damit unverzichtbar.

Während eines Kostümfestes, dem ausschweifenden Naturell seines Herrschers geschuldet, führt Süß dem Herzog die 19-jährige Magdalen Sybille Weißensee zu, für die er selbst Zuneigung verspürt. „Aber er war so gewohnt, daß erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue sich, seiner Hoheit dienen zu dürfen.“ Die junge Frau wird die Mätresse des Herzogs, deren Vater, Präsident des Kirchenrates, zu einem mächtigen Feind von Süß.

Zufällig kommt er hinter das Geheimnis des Juden, der seine heranwachsende Tochter Naemi fern vom Hof von seinem Onkel, dem Rabbi Gabriel, in einer Waldhütte großziehen lässt. Weißensee lenkt die Aufmerksamkeit des Herzogs auf das schöne Mädchen. Dessen Versuch, Naemi zu missbrauchen, entzieht sich das Mädchen mit einem Sprung vom Dach der Waldhütte, der sie das Leben kostet.

Süß verzeiht dem Herzog in heuchlerischer Demut, sinnt aber auf Rache. Den württembergischen Parlamentariern verrät er über einen Mittelsmann Staatsstreichpläne des Herzogs, die die Verfassung des Landes außer Kraft setzen, den Protestantismus beseitigen und eine Militärautokratie errichten sollen. Der Herzog stirbt bei seiner Verhaftung an einem Nervenschlag.

Süß bietet sich als Sündenbock an, wird verhaftet und zum Tode am Galgen verurteilt. Der Versuch der deutschen Judenschaft, ihn vom Galgen loszukaufen, scheitert, Süß wird hingerichtet. In der Nacht nach der Hinrichtung stehlen Fürther Juden seine Leiche, die sie heimlich bestatten.

Menschen sind oft den Verlockungen der Macht ausgesetzt. Doch diese Macht hat ihren Preis.

Jud Süß ist als Aufbau Taschenbuch erhältlich (ISBN 978-3746656229, 9,95 Euro); der audio verlag hat ein Hörbuch produziert (ISBN 978-3898135726).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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