Leonhard Frank (1882 – 1961) (6. Reise)

Karl und Anna (Erzählung, 1927)

Was für ein Glück, an einem Freitagabend im Herbst 1982 fernzusehen und in einen aspekte-Beitrag zum 100. Geburtstag Leonhard Franks hineinzuzappen. Frank war mir bis dahin absolut unbekannt. Doch der nur wenige Minuten lange Bericht – Aufhänger war eine Neuinszenierung von Karl und Anna (wahrscheinlich) in Würzburg – machte mich neugierig: Da war die Rede von einem sozialkritischen, pazifistischen Autor, der das Schreiben als Handwerk betrachtete und es sich mühevoll selbst beibrachte. Einer, der mit seinen Werken eine gerechte Gesellschaftsordnung einforderte. Der mit den Formulierungen seiner Wahrheiten aneckte, vor allen Dingen in seiner Heimatstadt Würzburg, in der eine Vielzahl seiner Romane spielt. Sich politisch engagierte, den ersten Weltkrieg im Schweizer Exil verbrachte, sich nach Ende des Kriegs an der Münchener Räterepublik beteiligte und bei deren Zerschlagung verwundet wurde.

Am nächsten Tag bestellte ich mir in einer Buchhandlung Karl und Anna. Und obwohl ich im Laufe der Jahre weitere fantastische Bücher von Leonhard Frank gelesen habe, wird Karl und Anna mir stets sein liebstes Werk bleiben.

1927, als die Erzählung erscheint, ist Leonhard Frank bereits ein anerkannter und viel gelesener Schriftsteller. Für seinen Erstlingsroman Die Räuberbande hatte er 1914 den Fontane-Preis erhalten; 1918 wurde ihm für seine Novellensammlung Der Mensch ist gut (im Schweizer Exil geschrieben) der Kleist-Preis zugesprochen. Und auch in Karl und Anna bleibt Frank seinem sparsamen, auf das Wesentliche konzentrierten Schreibstil treu.

Richard und Karl sind Kriegsgefangene in der sibirischen Steppe. Während der bereits vier Jahre dauernden Gefangenschaft erzählt der verheiratete Richard dem unverheirateten Karl alles über sich und seine Frau Anna. Sie leben in einer Wellblechhütte und stechen Markierungsgräben in der Steppe aus. Einmal im Monat marschieren die sich äußerlich ähnelnden Männer zwecks Proviant holen ins Gefangenenlager. Bei einem dieser Aufenthalte wird Richard einer neuen Arbeitsgruppe zugeteilt, die per Bahn weiter ostwärts verschickt wird. „Einen Tag nach Richards Abtransport flüchtete Karl aus dem Gefangenenlager. Das Verlangen nach Anna trieb ihn auf den großen Weg.“

Drei Monate später steht Karl vor Anna und gibt sich als Richard aus. Anna fühlt den Betrug, auch wenn Karl alles von ihr weiß, fühlt aber auch eine nicht erklärbare Verbundenheit mit dem ihr fremden Mann. Sie nimmt Karl bei sich auf. Anna verliebt sich in Karl, der ihr zum Richard wird, so wie Karl von allen Hausbewohnern als ihr heimgekehrter Mann anerkannt wird. Monate später ist Anna schwanger.

Richard kehrt aus der Gefangenschaft zurück. Er erkennt, dass Karl seinen Platz bei seiner Frau eingenommen hat, ist bereit, ihr zu verzeihen, will aber Karl mit dem Beil totschlagen.

Als sich Anna schützend vor Karl stellt und Richard ihre Liebe zu ihm gesteht, bricht dieser innerlich zusammen. Karl und Anna packen einige Habseligkeiten beisammen, und verlassen, beschimpft von vielen Nachbarn, das Haus und die Stadt. „Sie sprachen nicht, sie dachten nicht. Sie gingen im unerforschlichen Geheimnis, zu trennen nur noch durch den Tod.“

Frank schrieb seine Erzählung 1929 erfolgreich für die Bühne um. In Links wo das Herz ist sagt sein autobiografischer Held Michael Vierkant: „Michael schrieb das Schauspiel „Karl und Anna“ – in drei Wochen. Den Prosasatz fehlerlos zu bauen und das Wichtigste seines Inhalts plastisch hervorgehoben an die einzig richtige Stelle zu bringen, war für Michael auch jetzt noch eine ebenso mühevolle Arbeit wie zu Anfang seiner Schriftstellerlaufbahn; der kurze Dialogsatz hingegen kam aus Gefühl und Vorstellung wie von selbst aufs Papier.“

Karl und Anna liegt in Reclams Universal-Bibliothek vor (ISBN 978-3-15-008952-1, 3 Euro). Besuchen Sie auch die Internetseiten der Leonhard Frank Gesellschaft unter www.leonhard-frank-gesellschaft.de. Dort finden Sie neben Informationen zu Leben und Werk auch Vorschläge für einen Spaziergang durch Franks Heimatstadt Würzburg, die Sie an Orte bringt, die mit dem Schriftsteller in Verbindung stehen. Wenn Sie einmal in Würzburg sind, so sollten Sie einen Besuch der Stadtbücherei im Falkenhaus (Marktplatz 9), in der zahlreiche Erstausgaben Franks verwahrt werden, keinesfalls auslassen.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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