Joseph Roth (1894 – 1939) (8. Reise)

Radetzkymarsch (Roman, 1932)

Der Erste Weltkrieg und der damit verbundene Zerfall Österreich-Ungarns war ein Richtung weisendes Erlebnis für Joseph Roth und wird von ihm in seinem Roman Radetzkymarsch, — für Marcel Reich-Ranicki eines der 20 bedeutendsten Bücher in deutscher Sprache, — verarbeitet.

Der Roman erscheint 1932 bei Kiepenheuer, vorab in der Frankfurter Zeitung, bei der Roth als Journalist arbeitet. Dem Vorabdruck stellt er einige Anmerkungen voran: „Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern.“ Möglich, dass das nahe Ende der ersten deutschen Republik Roth zu diesen Sätzen veranlasst hat. Er, von jüdischer Abstammung, wird Deutschland am Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ins Pariser Exil verlassen.

In Radetzkymarsch – der Titel des Romans bezieht sich auf den gleichnamigen von Johann Strauß (Vater) komponierten Marsch, der symbolhaft das ganze Buch durchzieht – erzählt Roth die Geschichte der Familie Trotta, die dem Kaiserhaus der Habsburger schicksalhaft verbunden ist. In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph I. das Leben. Als Held von Solferino wird der Leutnant in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert. Seinem Sohn Franz verbietet er die Karriere beim Militär und lässt ihn eine Beamtenlaufbahn einschlagen. Er wird es durch die Gunst des Kaisers zum Bezirkshauptmann in einer mährischen Kleinstadt bringen. Der Enkel, Carl Joseph, wiederum, aufgrund seiner Sensibilität und Weichheit nicht für das Militär geschaffen, muss aufgrund des Entschlusses des Vaters gerade diese Karriere einschlagen.

Franz und Carl Joseph sind die Hauptpersonen dieses Romans. Mit ihren Berufen in Verwaltung und Militär repräsentieren sie die Säulen der Monarchie. Doch die alte Stabilität ist brüchig, und das deutet sich bereits zu Beginn des Romans mit der Schlacht von Solferino an, die Österreich verliert. Der Vielvölkerstaat lebt aufgrund des wachsenden Nationalismus auf einer Zeitbombe, die schließlich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs explodiert. Eine Figur des Romans, der polnische Graf Wojciech Chojnicki, den Carl Joseph in einer Garnisonsstadt nahe der russischen Grenze kennenlernt, und der als Sprachrohr des Autors dient, bringt es auf den Punkt: „Die neue Religion ist der Nationalismus. Die Völker gehn nicht mehr in die Kirche. Sie gehn in nationale Vereine.“

So wie der Aufstieg der Familie mit einem Opfer für den Kaiser begann, so endet das Geschlecht der Trotta mit einem Opfergang: Beim Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen, fällt Carl Joseph im Ersten Weltkrieg. Zwei Jahre später, symbolträchtig am Tag der Beisetzung des verstorbenen Kaisers, stirbt auch sein Vater, der Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Sipolje.

„Der Erzähler ist ein Beobachter und ein Sachverständiger“, sagt Joseph Roth. „Sein Werk ist niemals von der Realität gelöst, sondern in Wahrheit (durch das Mittel der Sprache) umgewandelte Realität.“ Einen Trost hält er im von Untergangsstimmung geprägten Radetzkymarsch für alle von der Realität Betroffenen parat: „Alles, was wuchs, brauchte viel Zeit zum Wachsen; und alles, was unterging, brauchte lange Zeit, um vergessen zu werden.“

Das Buch ist in vielen Taschenbuchausgaben lieferbar, unter anderem von dtv (ISBN 978-3423124775, 9,90 Euro), kiwi (ISBN 978-3462041682, 5,- Euro) oder Fischer (ISBN 978-3596902408, 9 Euro), und selbst als Hörbuch erhältlich (Diogenes, ISBN 978-3257801590, 49,90 Euro).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

Buch bestellen