Joachim Ringelnatz (1883 – 1934) (5. Reise)

Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid (Lyrik, 1920)

„Was kann die Welt dafür,
dass ich sie liebe?
Ich lieb sie nur wegen dir.
Was kann denn ich dafür,
dass die Welt so groß ist?
Aber heut Nacht, mein Schatz (ohoho)
Geh ich vor Anker bei dir.“

Joachim Ringelnatz? Nein, Achim Reichel. Dieser hat die von Ringelnatz (der selbst zur See fuhr) erschaffene Figur des Seebären Kuttel Daddeldu auf seiner Langspielplatte/CD „Melancholie und Sturmflut“ auf eine liebenswerte, augenzwinkernde Art und Weise wiederbelebt.

Der Naturalismus hatte bereits seit der Jahrhundertwende mehr und mehr an Einfluss verloren. Doch nach wie vor wurde Umgangssprache dann verwendet, wenn man soziale Schichten und Klassen charakterisieren wollte. Und gerade das machen die Erzählgedichte um den Seemann Kuttel Daddeldu (mit all seinen schlechten Angewohnheiten, seiner Rauflust, seinen ständigen Kneipen- und Bordellbesuchen) zu einem wunderbaren Lesevergnügen.

„Kuttel Datteldu ging an Land.
Die Rü Albani war ihm bekannt.
Er kannte nahezu alle Hafenplätze.
Weil vor dem ersten Hause ein Mädchen stand,
Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze.“

Das kam an beim Leser, vor allen Dingen beim Publikum, denn Ringelnatz brachte seine Seemannsfigur mit großem Erfolg auf die Kabarettbühne. Vielleicht wurde deshalb seine dichterische Leistung unterschätzt. Erich Kästner jedenfalls urteilte: „Merken denn so wenige, daß man keine Kabarettnummer, sondern einen Dichter vor sich hat?“ Zwei weitere Stimmen möchte ich anführen:

„Ringelnatz Verse sind am schönsten da, wo die Form ganz lapidar da steht, wie aus der Sprache gewachsen.“ ( Kurt Tucholsky)

„Die Leistung seines gelebten Lebens war eigentlich größer als sein schmales Dichtwerk.“ (Friedrich Luft).

Und so verstehen Sie bitte diesen kleinen Artikel als Anstoß, sowohl Ringelnatz Werk als auch sein Leben (auf das ich, weil es den Rahmen dieses Buches sprengen würde, nicht eingehe) zu entdecken. Einen guten Einstieg bieten die Seiten www.ringelnatz.net. Enttäuscht war ich da eher von den lieblosen Internetauftritten der Ringelnatzgesellschaft sowie der Ringelnatz-Stiftung (daher werden an dieser Stelle auch keine URLs aufgeführt).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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