Hugo von Hofmannsthal (6. Reise)

Der Schwierige (Schauspiel, 1921)

Ach wäre das schön, eine Aufführung von Der Schwierige am Wiener Burgtheater zu erleben. Egal ob im Sommer, im Anschluss an die Vorführung gegenüber vom Theater auf dem Rathausplatz an einer der vielen Weinbuden ein Viertel Veltliner genießend (kann auch gern ein Viertel mehr werden). Oder im Winter, wenn sich der Rathausplatz in eine riesige Eislaufbahn verwandelt, flankiert von Büdchen, in denen Germknödel, Kaiserschmarrn und andere Leckereien angeboten werden. Vorher von Hofmannsthals Schauspiel ansehend, hineintauchend in eine Hochdeutschen fremde und doch charmante Sprache, Jahrzehnte hinter sich lassend in eine Zeit fallend, in der man – Scheinwelten aufbauend – den Verlust alter Ordnungen zu kaschieren versucht. Was würde ich dieses Lustspiel — schon das Lesen der Reclam-Ausgabe war ein Vergnügen (ISBN 978-3150180402, 5 Euro) — in einen roten Sessel des Burgtheaters gesunken, genießen!

Hans Karl, er steht einer Familie aus dem österreichischen Hochadel vor, ist Der Schwierige. In seinem Haus, einem Wiener Stadtpalais, in dem ein Teil der Handlung spielt, wohnen auch noch seine Schwester Crescence und deren Sohn Stani. Kari, wie Hans Karl auch genannt wird, ist intelligent, schüchtern, fast scheu, und hat den 1. Weltkrieg als Offizier erlebt. Das Trauma, während des Krieges in einem Schützengraben verschüttet worden zu sein, und die damit verbundene Konfrontation mit dem Tod, hat ihn von den Angehörigen seines adeligen Standes entfremdet. So begibt er sich nur widerwillig zu Festen, weil ihm die Oberflächlichkeit und Arroganz des Adels offensichtlich stark zu schaffen macht.

Nur mit Mühe lässt er sich von Crescence dazu bewegen, eine Soiree des Grafen Altenwyl zu besuchen. Seine Schwester bittet ihn darum, eine Verlobung zwischen Stani und der Tochter des Hauses, Helene, anzubahnen. Und auch sein Freund Hechingen trägt Kari die Bitte vor, mit seiner Frau zu reden, da diese ihn anscheinend nicht mehr liebt. Kein Wunder, Antoinette Hechingen ist bis über beide Ohren in Hans Karl verliebt. Kari beschließt, ihr auf der Soiree mitzuteilen, dass er keine gemeinsame Zukunft für sie sieht, und sie zu ihrem Mann zurückkehren solle. Schließlich gesteht noch Helene Hans Karl ihre Liebe. Und wie in einer Komödie oft üblich, gibt es nach etlichen Missverständnissen und Verwicklungen ein Happy-End: Kari und Helene verloben sich.

Hans Karl ist gar nicht Der Schwierige. Er, sein Freund Hechingen und auch Helene stehen für Aufrichtigkeit, Takt, Freundschaft und Menschlichkeit. Umgeben sind sie von Personen, die oberflächlich, aufdringlich und voller Arroganz handeln, allein ihren Vorteil sehen, und eine Worthülse nach der anderen von sich geben. So Karis neuer Diener, dem es darum geht, seinen neuen Herren „rasch in den Griff zu bekommen“, so sein Sekretär Neugebauer, der seine langjährige Geliebte im Stich lässt, um eine für ihn vorteilhaftere Ehe einzugehen, so der preußische Baron Neuhoff, der sich lauthals über die dekadenten Österreicher lustig macht. Vor allen Dingen die Schwächen dieser Menschen stellt das Schauspiel bloß. Und wird so von einigen Literaturwissenschaftlern nicht als Lustspiel, sondern als Drama bezeichnet.

Egal, wie die Einordnung erfolgt, es ist eine lohnenswerte Lektüre, wenn man bereit ist, sich auf eine veraltete Sprache einzulassen.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

Buch bestellen