Heinrich Mann (1871 – 1950) (8. Reise)

Der Untertan (Roman, unvollständiger Vorabdruck 1914, Privatdruck 1916, 1918)

„Man kann solche Menschen schon ursprünglich in ihrer Schülerzeit kennzeichnen. Sie lernen weniger – wie man es, die Folge mit der Ursache verwechselnd, benennt – gewissenhaft als ordentlich und praktisch. Sie legen sich jede Aufgabe vorerst zurecht, wie man sich abends die Kleidung des nächsten Tags bis auf die Knöpfe zurechtlegen muß, wenn man morgens rasch und ohne Fehlgriff fertig werden will; es gibt keinen Gedankengang, den sie nicht mittels fünf bis zehn solcher vorbereiteten Knöpfe fest in ihr Verständnis heften könnten, und man muß einräumen, daß dieses sich danach sehen lassen kann und der Untersuchung standhält.“

Diese Textstelle habe ich Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften entnommen, und sie passt wunderbar als Beschreibung für Heinrich Manns Protagonisten, der ein Mann voller Eigenschaften ist, feige vor allen Mächtigen und Starken kriecht und eine unerbittliche Brutalität gegenüber Schwächeren und Untergebenen an den Tag legt: „Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht.“ Diederich Heßling ist Der Untertan.

Der schwächliche Spross eines Papierfabrikanten in Netzig, einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin, macht sich dieses eherne Gesetz der Macht bereits zu Schulzeiten zu eigen und erlangt das Wohlwollen seiner Lehrer, als er einen jüdischen Mitschüler quält. Während des Chemiestudiums in Berlin, sich der Burschenschaft Neutonia anschließend, wendet er es ebenfalls erfolgreich an und kann so seine Feigheit und Ängstlichkeit überspielen. Nach Abschluss des Studiums scheint Diederich der Dienst in der kaiserlichen Armee eine Vorbedingung für seine weitere Karriere zu sein. Als ihn der Drill zu stark beansprucht, lässt er sich dienstuntauglich schreiben.

Seine Heuchelei und verlogene Moral zeigen sich vor allen Dingen in dem Gespräch mit dem Zellulosefabrikanten Göppel, dessen Tochter Agnes er verführt hat. Das Angebot Göppels, Agnes zu heiraten, lehnt Diederich ab, weil sie ja ihre „Reinheit“ nicht mehr mit in die Ehe nehme.

Den ersten Höhepunkt in seinem Leben erfährt Diederich, als er zufällig seinem Kaiser, der für ihn über allem steht, im Berliner Tiergarten in die Augen blicken kann. Diederich, von der Situation überrascht, macht dabei alles andere als eine gute Figur, ehrerbietig seinen Hut ziehend, rutscht er aus und landet in einem Tümpel. Der Kaiser lacht und klopft sich auf die Schenkel. Diederich möchte seinem Vorbild nun auch äußerlich ähnlicher sehen und lässt sich seinen Schnurrbart mittels einer Bartbinde in zwei rechten Winkeln hinaufführen. So fühlt er sich gerüstet, nach Netzig zurückzukehren.

Durch den Tod seines Vaters ist Diederich zum Familienoberhaupt geworden. Mit Härte, vor allen Dingen nationalistischen Phrasen – abgedruckten Reden des Kaisers aus der Zeitung entnommen – verschafft er sich in der Familie und bei den Fabrikarbeitern gehörigen Respekt. Ein erster Besuch führt ihn zum alten Buck, einem der im Ort am meisten geachteten Männer, der als Teilnehmer der Märzrevolution 1848 den bürgerlich-demokratischen Idealen verbunden ist. Diederich orientiert sich jedoch an der kaiserlichen Linie. Mit einigen Gleichgesinnten, unter ihnen Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft, Pastor Zillich, Gymnasialprofessor Kühnchen und Major Kunze, Vorsitzender des Kriegervereins, feiert er im Ratskeller die Erschießung eines Arbeiters durch einen Soldaten. Während der Zecherei provoziert Diederich den liberalen Fabrikbesitzer Lauer, seinen Konkurrenten im Papiergeschäft, zu unbedachten Äußerungen über die kaiserliche Familie. Jadassohn reicht eine Klage wegen Majestätsbeleidigung ein. Im Prozeß gegen Lauer erwirkt allein Heßlings Aussage (die weiteren Zechkumpane hatten sich hiervor gedrückt) die Verurteilung des Fabrikbesitzers. Für Diederich ein glänzendes Geschäft, denn nun erhält er die Aufträge, die vorher Lauer bekam.

Weitere Intrigen wirtschaftlicher, politischer und privater Art folgen. So hintertreibt Diederich die Verlobung des Sohns des alten Buck, Wolfgang Buck, mit dem er zu Jugendzeiten befreundet war, mit Guste Daimchen, weil er selbst auf das Vermögen der Frau spekuliert. Mehrmals finden auch Heßling und der von ihm gehasste Napoleon Fischer zusammen. Fischer, in Heßlings Fabrik Maschinenmeister, ist Sozialdemokrat. Er verhilft Diederich zu den nötigen Stimmen bei der Wahl zum Stadtverordneten, Diederich wiederum unterstützt dessen Kandidatur zum Reichstag, um wiederum mit Hilfe Fischers Mittel aus dem öffentlichen Fonds für den Bau eines Kaiserdenkmals zu erhalten.

Während Diederich durch die Heirat seiner Schwester Magda mit dem Papiermaschinenvertreter Kienast sein Unternehmen weiter sanieren kann, wird seine ältere Schwester Emmi vom Leutnant von Brietzen verführt und auf die gleiche Weise verstoßen, wie Agnes Göppel einst von ihm. Mit seiner Heirat mit Guste Daimchen stellt Heßling aber sein privates Prestige wieder her. Die Hochzeitsreise nach Italien wird ein Dem-Kaiser-hinterherreisen, als Diederich im Zug vom gleichzeitigen Staatsbesuch des Monarchen erfährt.

Dermaßen beglückt, ergaunert Diederich nach seiner Rückkehr nach Netzig die Aktien der großen Papierfabrik Gausenfeld und steigt zum Großunternehmer auf. Der Höhepunkt seines Lebens soll die Einweihung des Kaiserdenkmals sein. Während seiner Festrede bricht ein gewaltiges Gewitter aus. Die Zuschauertribüne – symbolhaft weist Autor Mann weitblickend auf den Zerfall der alten Ordnung und die bevorstehende Katastrophe des Krieges hin – bricht in sich zusammen.

Obwohl bereits kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs fertiggestellt — und größtenteils als Vorabdruck in der Zeitschrift Zeit im Bild erschienen (der Krieg verhinderte den kompletten Abdruck des Romans), 1916 vom Verleger Kurt Wolff privat in einer Auflage von mindestens 10 Exemplaren gedruckt — konnte die reguläre Buchausgabe des Untertans erst im Dezember 1918, nach Aufhebung der Zensur, erscheinen, und wurde umgehend ein großer Erfolg: Innerhalb von sechs Wochen konnten 100.000 Exemplare verkauft werden.

„Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolgsanbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit … Ein Stück Lebensgeschichte wird aufgerollt: Diederich Heßling, Sohn eines kleinen Papierfabrikanten, wächst auf, studiert und geht zu den Korpsstudenten, dient und geht zu den Drückebergern, macht seinen Doktor, übernimmt die väterliche Fabrik, heiratet reich und zeugt Kinder. Aber das ist nicht nur Diederich Heßling oder ein Typ. Das ist der Kaiser, wie er leibte und lebte. Das ist die Inkarnation des deutschen Machtgedankens, das ist einer der kleinen Könige, wie sie zu Hunderten und Tausenden in Deutschland lebten und leben, getreu dem kaiserlichen Vorbild, ganze Herrscherchen und ganze Untertanen“, schrieb Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel am 20. März 1919 in der Weltbühne.

Eine wunderbare Darstellung der wilhelminischen Zeit, eine punktgenaue Analyse der Verhältnisse, die Deutschland in den Ersten Weltkrieg führten.

Der Untertan liegt als Fischer Taschenbuch vor (ISBN 978-3596136407, 8,95 Euro). Empfehlenswert ist die DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1951 von Regisseur Wolfgang Staudte, auf DVD unter anderem über amazon zu beziehen.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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