Hans Fallada (1893 - 1947) (1. Reise)

Kleiner Mann - was nun? (Roman, 1932)

Hans Fallada als Ausgangspunkt der roten, politischen Linie? Da werden sicher viele Menschen, die sich wissenschaftlich mit der Literatur in der Weimarer Republik auseinandersetzen, nur den Kopf schütteln. Die einen, weil sie Fallada der Neuen Sachlichkeit zuordnen (völlig zu Recht, daher sei an dieser Stelle ein gesetzt), andere würden statt seiner Autoren wie Bertolt Brecht oder Alfred Döblin bevorzugen. Schließlich wurde in akademischen Kreisen bereits die Frage „Ist Hans Fallada ein Unterhaltungsautor?“ diskutiert (Eugen Satschewski, Hans Fallada Jahrbuch Nr. 2, herausgegeben von der Hans-Fallada-Gesellschaft). Ja, Hans Fallada ist mein Ausgangspunkt für die politische Literatur Weimars. Denn nichts ist politischer als die Realität. Und wie kein zweiter Autor vermag es der Beobachter Fallada, ein Panorama des Alltags in der Weimarer Republik am Beispiel des kleinen Mannes Johannes Pinneberg, seiner Frau Lämmchen und seines Kindes Murkel in seinem Roman Kleiner Mann - was nun? zu entwerfen.

Der Roman erschien 1932, zum Höhepunkt der Arbeitslosigkeit in Deutschland bei Rowohlt (Verleger Ernst Rowohlt hatte Fallada eine Halbtagsbeschäftigung in seinem Verlag verschafft, sodass sich der Autor ohne größere materielle Sorgen der Arbeit an dem Roman widmen konnte). Sowohl für den Verlag als auch für Fallada war Kleiner Mann - was nun? ein Segen: Dem Verlag, der sich in wirtschaftlichen Nöten befand, verschaffte er wieder Auftrieb, für Fallada bedeutete das Buch den literarischen und finanziellen Durchbruch. Nun konnte er von seiner Schreibe leben. Bis Ende des Jahres 1932 hatten sich 48.000 Exemplare des Titels verkauft. Ein beachtlicher Erfolg.

Kleiner Mann - was nun? ist die Geschichte des kleinen Angestellten Pinneberg, der seine Freundin Emma Mörschel, genannt Lämmchen, heiratet, als sie schwanger wird. Beide ziehen aus der Kleinstadt Ducherow nach Berlin, als Pinneberg das erste Mal arbeitslos wird. Pinneberg erhält in der Hauptstadtmetropole eine bescheidene Anstellung als Konfektionsverkäufer im Warenhaus Mandel, gerät aber schon bald in die Mühlen der sich zuspitzenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland. Als Murkel geboren wird, verschärft sich die finanzielle Not der Familie, weil die Krankenkasse den Antrag auf Wochen- und Stillgeld nur schleppend bearbeitet. Auch auf der Arbeit gerät Pinneberg mehr und mehr unter Druck: Um den sinkenden Gewinn des Warenhauses in den Zeiten der Wirtschaftskrise aufzufangen, werden die Verkäufer von der Geschäftsführung angehalten, einen monatlichen Mindestumsatz zu erzielen. Und so kommt es an einem 29. September, Pinneberg liegt weit hinter den Vorgaben der Geschäftsleitung zurück, zur fristlosen Entlassung, als Pinneberg dem wohlsituierten Filmschauspieler Schlüter unter Verweis auf seine Verkaufsquote Kleidung aufzudrängen versucht.

Eingebunden in dieses Kapitel „Der Schauspieler Schlüter und der junge Mann aus der Ackerstraße. Alles ist zu Ende.“ ist ein Gespräch mit dem Kollegen Keßler, der in dem Monat bereits seine Verkaufsquote erfüllt hat, und trotz Wissens ob der Probleme Pinnebergs diesem einen Kunden, der ein Hausjackett kaufen möchte, vor der Nase wegschnappt: Ein typisches skrupellos-gegen-Gleichgestellte-und-Untergebene-speichelleckend-nach-oben-Verhalten.

Und eine weitere demütigende Situation hat die Hauptperson zu erleiden: Ungewollt gerät Pinneberg in eine politische Demonstration und wird von einem Polizisten mehrmals gestoßen und geschubst.

Pinnebergs einziger Halt ist seine Familie. Und so schließt der Roman mit den Sätzen: „Es ist das alte Glück, es ist die alte Liebe. Höher und höher, von der befleckten Erde zu den Sternen. Und dann gehen sie beide ins Haus, in dem der Murkel schläft.“

Kaum ein anderer Roman traf den Nerv der Zeit so wie Kleiner Mann - was nun?, der Titel des Buches wurde zum geflügelten Wort. Viele Leserinnen und Leser konnten sich mit dem Schicksal des Ehepaars identifizieren, auch deshalb bezeichnete Jakob Wassermann das Buch als „Volksmärchen“. Hermann Hesse schrieb am 17. Juli 1932 in der Baseler Nationalzeitung über den Roman: „Die Wahrhaftigkeit über die Darstellung des Milieus und der Zeit, die Liebe zum Kleinen, Einzelnen, ohne Trübung des Blickes für das Ganze, die unendliche Fülle an schönen, genau und sauber gezeichneten, liebevoll beobachteten Einzelszenen macht das Buch zur Dichtung, nicht nur zum Zeitdokument.“

Weitere begeisterte Stimmen lassen sich finden: Carl Zuckmayer am 7. September 1932 in der Vossischen Zeitung (in der der Roman als Vorabdruck erschienen war): „Das ist das Wunderbare an dem Buch: es schenkt unmerklich, und ohne daß man der Gebärde des Schenkens gewahr wird, das Notwendigste, das Seltenste, das Menschlichste, was es auf der Erde gibt: Vertrauen.“ Karl Dörr am 10. September 1932 in der Freien Presse, Wuppertal: „Was wir diesmal lesen, ist das beste Buch über das Leben von heute, es ist schlicht, aber packend geschrieben, es wird nicht etwa reportagehaft beschrieben, sondern es ist das Leben selbst, das zu uns spricht. Szenen sind mit so starker Realistik hingesetzt, so wirklichkeitsnah, daß man glaubt, selbst der Handelnde zu sein.“ Und Thomas Mann schreibt im September 1932 an den Verleger Ernst Rowohlt: „Ueber „Kleiner Mann – was nun?“ nur soviel, dass ich seit langem nichts so Liebenswertes gelesen habe wie dieses Buch.“

Meinen ersten Kontakt zu Hans Fallada habe ich dem Fernsehen zu verdanken. Das ZDF strahlte 1978 die Geschichte des 16-jährigen Vollwaisen Karl Siebrecht, der aus der Provinz nach Berlin kommt, um sein Glück zu machen, als Mehrteiler aus. „Ein Mann will nach oben“ nach dem Fallada-Roman „Ein Mann will hinauf“ mit Mathieu Carrière und Ursela Monn in den Hauptrollen war Familienfernsehen pur: Papa auf der Couch liegend, Mama im Fernsehsessel, meine Schwestern in den Sesseln und ich mir eine Nackenstarre holend unter dem Wohnzimmertisch liegend. Großartig!

Wer sich heute mit dem Werk, aber auch mit der Person Falladas auseinandersetzen möchte (in Zeiten von Hartz IV ist Kleiner Mann – was nun? aktueller denn je), kann aus dem Vollen schöpfen: Fallada gehört (noch nicht) zu den vergessenen Autoren des letzten Jahrhunderts. Sein Werk ist in günstigen Taschenbuchausgaben lieferbar, und auch an Sekundärliteratur mangelt es nicht. Einen guten Einstieg bieten die Internetseiten der Hans-Fallada-Gesellschaft e. V. unter http://www.fallada.de.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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