Georg Trakl (1887 – 1914) (5. Reise)

Verfall (Gedicht, 1913)

Von allen expressionistischen Dichtern ist mir Georg Trakl der liebste. Dass er diesem Buch Aufnahme findet, obwohl er bereits 1914, nach einigen Selbstmordversuchen, an einer Überdosis Kokain starb, ist der Tatsache zu verdanken, dass er in der expressionistischen Lyrik-Anthologie Menschheitsdämmerung mit zehn seiner Gedichte vertreten war. Herausgegeben wurde diese Sammlung von dem Schriftsteller und Journalisten Kurt Pinthus. 1919 zunächst im Eigenverlag erschienen, wurde das Buch ab 1920 bei Rowohlt verlegt. Und das mit beachtlichem Erfolg. Allein 1920 verkauften sich 15.000 Exemplare. Und dieses Standardwerk des lyrischen Expressionismus – bei rororo lieferbar (ISBN 978-3-499-45055-6, 9,95 Euro) – ist nach wie vor gefragt: Mit einer Gesamtauflage von fast 200.000 Exemplaren ist es eine der erfolgreichsten Anthologien in der Literaturgeschichte.

In seinem Gedicht Verfall – nicht in Menschheitsdämmerung enthalten – schildert Trakl die Wirkung der herannahenden Herbstzeit auf das lyrische Ich.

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Verfall ist ein Sonett, besteht also aus zwei Strophen mit jeweils vier Versen und zwei Terzetten (zwei Strophen mit jeweils drei Versen). Diese im Expressionismus häufiger anzutreffende Form ist gekennzeichnet durch einen inhaltlichen Einschnitt zwischen den Quartetten und Terzetten.

Befindet sich das lyrische Ich in den beiden ersten Strophen in einem träumerischen Zustand, so wird es urplötzlich – hervorgehoben durch das Wort „Da“ – mit der Realität konfrontiert. Und diese Realität ist bedrohlich für das lyrische Ich, wie die entlaubten Zweige, rostigen Gitter und dunklen Brunnenränder – für Tiefe, Ungewissheit und Gefahr stehend – zeigen. Hoffnung zeigt sich nur durch die fröstelnden blauen Astern: Für ein winterfestes Gewächs stellt Kälte keine große Bedrohung dar.

Die Dichtungen Trakls sind als insel taschenbuch lieferbar (ISBN 978-3458328568, 8 Euro). Eine gebundene Ausgabe In den Nachmittag geflüstert. Gedichte 1909 – 1914 legte 2009 der Marixverlag vor (ISBN 978-3865392060, 7,95 Euro).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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