Franz Werfel (1890 – 1945) (4. Reise)

Der Tod des Kleinbürgers (Erzählung, 1927)

„Mich reizt sträflicherweise das Erloschene gegenwärtig mehr als das Brennende“, schreibt Franz Werfel im September 1927 an Alfred Kubin, um den Grafiker zu überreden, eine Neuauflage seiner Erzählung zu illustrieren, und auch ich tauche – so wie vor über zwanzig Jahren, als ich das Reclam-Bändchen das erste Mal las – ab in die ersten Jahre meiner Kindheit, mit meinen Eltern und beiden Schwestern auf zwei Zimmern lebend, die Toilette in einem gemauerten Schuppen ans Haus gebaut, jeden Sonntag bei unseren Etagennachbarn, Tante Sefa und Tante Traudchen, zwei älteren Schwestern, nach deren Kirchgang einen „Frühschoppen“, sprich eine leckere Tasse Suppe genießend. Heutzutage wäre eine solche Wohnsituation unvorstellbar. Aber ich will nicht klagen – uns Kindern hat es nie an etwas gefehlt. Wir wurden geliebt, das war die Hauptsache!

Und auch Herr Fiala liebt seinen an Epilepsie leidenden Sohn Franzl. Mit ihm, seiner Frau Marie und Maries Schwester Klara, einer streitsüchtigen, unsympathischen Frau, „ein richtiger Höllenbraten“, wie Werfels Frau Alma Mahler-Werfel in ihren Memoiren die Figur beschreibt, lebt er ähnlich beengt beisammen.

Fiala wird frühzeitig als Beamter pensioniert. Er schließt bei seinem Nachbarn Schlesinger, der Versicherungsvertreter ist, eine Lebensversicherung ab, auszahlbar nach Erlangung des 65. Lebensjahres. Wie es das Schicksal will, erkrankt Fiala Wochen vor diesem Geburtstag schwer und muss sich ins Krankenhaus begeben, in dem die Ärzte eine negative Diagnose nach der anderen stellen. Doch Fiala kämpft, selbst, als seine Frau bereits aufgibt und ihn nicht mehr besuchen kommt, weil sein Anblick für sie unerträglich geworden ist, beseelt von dem Willen, seine Familie nach seinem Tod versorgt zu wissen. Er wird zum Wunderfall für Ärzte und Medizinstudenten. Körperlich bereits vom Tode gezeichnet, verstirbt Fiala zwei Tage nach seinem Geburtstag.

Ein Meisterwerk an erzählerischer Dichte und intimer Milieuschilderung. Der Tod des Kleinbürgers wird in Reclams Universal-Bibliothek geführt (ISBN 978-3150082683, 2,10 Euro).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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