Franz Kafka (1883 – 1924) (4. Reise)

Der Kübelreiter (Erzählung, 1917 verfasst, 1921 in der Weihnachtsbeilage der Prager Presse veröffentlicht)

„Es ist das Schicksal und vielleicht auch die Größe dieses Werks, daß es alle Möglichkeiten darbietet und keine bestätigt“, sagte der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus über Franz Kafkas Gesamtwerk. Mir ist es beim Lesen von Kafkas Texten immer vorgekommen, als sei ich im Museum, vor einem einzigen Bild verharrend und es stundenlang ansehend. Nur verstanden habe ich es nie.

So ist es mir auch mit der Erzählung Der Kübelreiter ergangen – Hintergrund ist der extreme Kriegswinter 1917–, in der ein Ich-Erzähler existenzielle Not leidet, „kein einziges Kohlenstäubchen mehr“ hat, und wohl erfrieren wird, wenn ihm der Kohlenhändler nicht etwas Kohle überlässt. Er reitet auf seinem Kübel, über fest gefrorene Gassen schwebend, zum Haus des Händlers, der mit seiner Frau im beheizten Kellergewölbe sitzt. Der Kohlenhändler nimmt die vorgetragenen Bitten des Kübelreiters nur undeutlich wahr und wird von seiner Frau zurückgehalten, als er vor der Tür nachsehen möchte, wer ihn denn aufsucht. Stattdessen begibt seine Frau sich nach draußen. Sie gibt vor, den um Kohle bittenden Mann nicht zu sehen, löst jedoch ihr Schürzenband und versucht, den Kübel mit ihrer Schürze fortzuwehen. Dieser wird in die unendliche Kälte auf Nimmerwiedersehen vertrieben.

Eine wunderbare Erzählung, was die Dichte der Handlung und die kraftvoll komponierten Bilder betrifft. Eine Komposition ist diese Erzählung, ja: Denn Sprache wird hier zur Musik. Probieren Sie es aus und lesen Sie die Erzählung laut. Das macht Spaß! Sie werden erstaunt sein, wie melodiös das klingt.

Nur was die Interpretation angeht, stehe ich wie immer bei Kafka vor einem Dilemma. Natürlich sind auch im Kübelreiter das Streben nach etwas und das Scheitern das beherrschende Thema, so wie in fast allen seinen Erzählungen. Doch will Kafka mit seiner Erzählung Gesellschaftskritik äußern? Stehen religiöse Fragen im Mittelpunkt (denn der Himmel steht den Bitten des Kübel- reiters ebenso erbarmungslos gegenüber wie die Frau des Kohlenhändlers)? Oder setzt sich Kafka mit seinem Verhältnis zu seinem Vater auseinander? und so weiter, und so weiter …

Aber das ist mir auch egal. Wie bei einem Bild, das ich staunend und mit offenem Mund in einem Museum betrachte und es nicht verstehe. Verlorene Zeit ist das auf keinen Fall.

Die Erzählung können Sie über den Buchhandel bestellen, mit weiteren Erzählungen wie beispielsweise der Sammlung Ein Landarzt, in der sie zunächst auch erscheinen sollte, liegt sie als Hamburger Leseheft vor (ISBN 978-3872911889, 1,60 Euro). Lohnenswert ist ein Besuch der Internetseiten, die der S. Fischer Verlag redaktionell betreut: www.franzkafka.de. Hier finden Sie viele tiefer gehende Informationen zu Leben und Werk dieses Künstlers.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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