Ernst Wiechert (1887 – 1950) (8. Reise)

Die Magd des Jürgen Doskocil (Roman, 1932)

„Ich glaube, daß, wie ein Baum seine Wurzeln im Dunkeln haben muß, um blühen zu können, der Dichter seine Wurzeln in Gott haben muß, um blühen zu können“, erklärt 1931 der Schriftsteller Ernst Wiechert. Sein Roman Die Magd des Jürgen Doskocil ist eine Liebeserklärung an Gott und die Natur, zeigt aber vor allen Dingen Wiecherts Glauben an das Gute im Menschen. Auch wenn seine Sprache – trotz Bilderreichtums und Metaphern, die er entwirft – auf den ersten Blick hölzern und unmodern erscheint, hat mich der Roman spontan an Leonhard Franks Novellensammlung Der Mensch ist gut erinnert. Ist Franks Werk ein Plädoyer für die sozialistische Gesellschaftsordnung, weil laut ihm nur in dieser der Mensch gut sein kann, so muss laut Wiechert der Mensch mit Gott verbunden sein, um dem Bösen zu trotzen.

Jürgen Doskocil ist Fährmann und lebt in einer alten Hütte an einem Fluss zwischen zwei namenlosen Dörfern. Seine Frau stirbt, und noch immer wird er von den Dorfbewohnern verspottet, weil er nicht der Vater des ebenfalls bereits verstorbenen Kindes war. Der missgestaltete Heini ist sein einziger Freund. Doskocil, scheu und ohne Vertrauen in die Menschen, lebt ein einsames, ärmliches Leben.

Das ändert sich, als er Marte und ihren Vater über den Fluss setzt. Beide sind auf dem Weg zu einem Mormonenprediger, der die Menschen der Umgebung bewegen möchte, nach Amerika, in das „goldene Land“, auszuwandern. Nach einer Übernachtung in Jürgens Hütte setzt der Vater seinen Weg zum Prediger allein fort, Marte bleibt bei Jürgen. Beide passen gut zusammen: Sie fühlt sich bei ihm geborgen und beschützt, er öffnet sich ihr und gewinnt an Sensibilität.

Marte wird mehr und mehr von dem Mormonenprediger sexuell bedrängt, und von ihm verflucht, als sie sich ihm wiederholt verweigert. Sie verliert ihr erstes Kind und führt dies auf den Fluch zurück.

Eine fürchterliche Dürre in der Gegend führt zu Missernten. Dem Prediger, der immer mehr Einfluss auf die Menschen gewinnt, gelingt es, diese zu überzeugen, Jürgen und Marte und ihr nicht gesellschaftsfähiges Zusammenleben seien Schuld an der Naturkatastrophe. Auch als beide heiraten, ändert sich die feindliche Haltung der Dörfler ihnen gegenüber nicht. Nicht einmal, als Doskocil einem Jungen aus einem der Dörfer das Leben rettet und bekannt wird, dass der Mormonenpriester sechs Frauen geschwängert hat, kommen die Dörfler zur Besinnung. Im Gegenteil: Eines Nachts versuchen sie, Doskocil zu töten. Der Anschlag misslingt, der Fährmann kommt mit leichten Verletzungen davon.

Marte ersticht den Prediger, als sie dieser erneut sexuell bedrängt. Das milde Urteil führt die erneut von Jürgen schwangere Frau für ein Jahr ins Gefängnis. Viele Einheimische verlassen die Dörfer und wandern mit Hab und Gut Richtung Amerika aus.

Für Marcel Reich-Ranicki, der Wiechert während seiner Schulzeit lesen musste, ist der Roman sentimental, wehmütig und weltfremd. Seine Meinung sollte Sie nicht abschrecken.

Ich habe Die Magd des Jürgen Doskocil nicht verschlungen, so wie ich manchen Roman in einem Zug, in einer Nacht gelesen habe. Aber das Buch hat mich seltsam berührt. Wiecherts liebevolle Zeichnung der Hauptpersonen, sein Plädoyer für den christlichen Glauben, all das kommt als wahrhaftig an beim Leser und lässt Raum, über sich selbst und seine Stellung innerhalb einer Gemeinschaft nachzudenken. Ein Buch also, das man bei einem guten Glas Wein zur Hand nimmt, immer mal wieder zur Seite legt, Gedanken spinnt und in die Ferne blickt. Für mich ist das Erholung pur.

Der Roman ist zurzeit leider nur antiquarisch zu beziehen. Wenn Sie zunächst in das Buch hineinlesen möchten, so stehen Ihnen die ersten beiden Kapitel auf www.ernst-wiechert.de als Leseprobe zur Verfügung.

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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