Emil Strauß (1866 – 1960) (4. Reise)

Der Schleier (Novelle, 1930)

Wenden wir uns einem der meistgelesenen Bücher der Weimarer Republik zu, der Novelle Der Schleier von Emil Strauß. Wie kommt es, dass ein Schriftsteller, der im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts einen derart großen und treuen Leserkreis um sich versammelt hatte, dermaßen in Vergessenheit geraten konnte? Seinen Roman Freund Hein, mit dem Strauß 1902 das Thema der Schülertragödie in die Literatur einbrachte (der Roman wurde zu Recht vielfach mit der ein Jahr später erschienenen Erzählung Unterm Rad von Hermann Hesse verglichen) und ihn auf einen Schlag berühmt machte, habe ich geliebt: eine packende, dichte Sprache sowie eine einfühlsame Zeichnung der Hauptperson, des musikalisch begabten Jungen Heiner, der am einseitig ausgerichteten Leistungsdruck des Gymnasiums und den kleinstädtisch-bürgerlichen Erwartungen seiner Eltern scheitert.

Warum also verlieren wir einen solchen Schriftsteller, der zu seiner Zeit populärer war als Thomas Mann, und seine Werke aus den Augen? Nun, Emil Straußwar Antisemit und Rassist; 1929 trat er in die NSDAP ein, 1936 wurde er von Goebbels in den Reichskultursenat berufen. Im gleichen Jahr wird ihm die Ehrenbürgerschaft Freiburgs angetragen, die ihm zehn Jahre später wieder aberkannt wird. Auch seine Werke werden in der Bundesrepublik nur noch vereinzelt aufgelegt.

Der Schleier ist eine feine Novelle. Erzählt wird der Ehebruch des Freiherren von Tettingen, der glücklich mit seiner Frau und seinen sechs Kindern auf einem großen Landgut lebt. Bei einem seiner Jagsausflüge kehrt er in einen am See gelegenen Wirtschaftsgarten ein, und verliebt sich dort in die junge Gräfin Ittendorf. Sie beginnen ein Verhältnis, und treffen sich jeden Dienstag im Jagdschlösschen des Freiherren. von Tettingens Frau bleibt ahnungslos, selbst als sie am Jagdrock ihres Mannes ein glänzendes Haar findet. Erst ein Jahr später, erneut nimmt sie ein glänzendes Haar am Rockkragen ihres Mannes wahr, wird ihr der Betrug bewusst. Sie sucht in einer Dienstagnacht das Jagdschloss auf, und findet die Liebenden schlafend im Bette. Sie verlässt das Paar, hinterlässt aber ihren weißen Schleier auf dem Laken.

Als die Gräfin und von Tettingen erwachen, wird ihnen bewusst, dass ihre Beziehung aufgedeckt wurde. Sie beschließen, das Verhältnis zu beenden, und sich zu trennen. Der Freiherr, beschämt über seinen Betrug, bittet seine Frau um Verzeihung. Er drückt ihr ihren Schleier in die Hand. An dem Tag, an dem sie ihm sein Verhalten verziehen hätte und wieder Vertrauen zu ihm haben kann, soll sie sich in den Schleier in ihre Haare stecken. Von Tettingens Frau schwingt sich den Schleier über den Kopf und steckt ihn sich mit Nadeln fest.

„Falls wir Deutsche zu den Völkern gehörten, welche Freude an ihrer eigenen Sprache haben, so würde Emil Strauß bei Lebzeiten zum Klassiker ernannt werden. Eine schönere, gesündere Prosa als er schreibt heute niemand. Und das neue Buch von ihm enthält eine Kostbarkeit ganz besonderen Ranges, die Novelle Der Schleier, ein Meisterwerk“, urteilte Hermann Hesse.

Die Novelle ist nur noch antiquarisch zu beziehen. Ans Herz legen möchte ich Ihnen aber auch den ebenfalls vorgestellten Roman Freund Hein. Zurzeit liegt dieses Buch in Reclams Universal-Bibliothek vor (ISBN 978-3150093672, 5,60 Euro).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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