Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) (3. Reise)

Die Wupper (Drama, 1908 geschrieben, 1919 uraufgeführt)

1908 schreibt Else Lasker-Schüler Die Wupper, nach Selbstzeugnissen in einer einzigen Nacht. In ihrem Schauspiel, die Nähe zu Gerhart Hauptmanns Die Weber ist unverkennbar, verknüpft Lasker-Schüler die Armut der Färber und Fabrikarbeiter mit dem verfallenden Wohlstand der Fabrikantenfamilie Sonntag. Schauplatz der Handlung ist der Ort ihrer Geburt, das Wuppertal zu Beginn des Industriezeitalters. Erst Jahre später, am 27. April 1919, wird das Drama am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt.

Die Wupper beanspruchte bereits vor Jahren, als ich das Schauspiel zum ersten Mal las, meine ganze Aufmerksamkeit, und daran hat sich nichts geändert. Das liegt vor allen Dingen an der Sprache, denn Lasker-Schüler lässt die auftretenden Personen ihren bergischen Dialekt sprechen. Zudem fehlt ein innerer Handlungsstrang, die einzelnen Aufzüge sind lediglich szenisch aneinandergereiht. Und auch auf einen Helden und seinen Widerpart verzichtet die Autorin, selbst der scheinbare Kontrast zwischen der Fabrikantenfamilie Sonntag und der Arbeiterfamilie, der Großvater Wallbrecker vorsteht, löst sich bei allen sozialen Unterschieden in zentralen Gemeinsamkeiten der Figuren auf: Sie alle sind in der Realität gefangen, leiden an der Wirklichkeit und hoffen auf etwas Neues.

Gut, auf die in Reclams Universal-Bibliothek erschienene Ausgabe zurückgreifen zu können (ISBN 978-3-15-009852-3, 4,40 Euro). Mit Dokumenten zur Entstehungsgeschichte, vor allen Dingen einem erklärenden Nachwort des Germanisten Fritz Martini versehen, erschließt sich nach und nach Lasker-Schülers Schauspiel in fünf Aufzügen.

Aufzug 1: Großvater Wallbrecker versucht seinen Enkel Carl von dessen Wunsch, Priester zu werden, abzubringen. In der Abenddämmerung tauchen drei Herumtreiber auf, die mit Carl in Streit geraten. Die Männer verschwinden unter Drohungen, Lieschen – zwölfjährige Enkelin von Wallbreckers bestem Freund – steigt schlafwandelnd aufs Dach des Arbeiterhauses.

Aufzug 2: Garten der Fabrikantenfamilie Sonntag. Carls Mutter, Frau Pius, legt den Dienstbotinnen Berta und Auguste die Karten und erhält dafür eine Nacktaufnahme Martas, der Fabrikantentochter. Deren Bruder Eduard will Franziskanermönch werden und bereitet sich gemeinsam mit Carl auf das Examen vor. Ihr zweiter Bruder, Heinrich, der seit dem Tod des Vaters die Fabrik leitet, wird vorgestellt: Den schönen Seiten des Lebens zugeneigt, verabschiedet er sich nach dem Tee im Familienkreis zum Kegeln. Bei einem Gartenspaziergang mit Marta macht Carl ihr Avancen.

Aufzug 3: Jahrmarkt. Heinrich fährt mit Lieschen Karussell. In Mutter Pius’ Bude verführt er die Minderjährige. Dr. von Simon will Berta zum Geschlechtsverkehr verführen. Auf dem Jahrmarkt kommt es zu einem Handgemenge aufgrund einer früheren Affäre Simons.

Aufzug 4: Lieschen trifft Eduard auf der Straße. Mutter Pius zeigt ihrem Sohn Carl das Nacktfoto Martas, und drängt ihn, bei den Sonntags um ihre Hand anzuhalten.

Aufzug 5: Heinrich hat sich, nach seinem Fehltritt mit Lieschen, aus Ehrgefühl umgebracht. Seine Familie sitzt vor Trauer beisammen. Carls Antrag wird von Frau Sonntag empört zurückgewiesen. Wenig später wird ihr Martas Aktfoto anonym zugestellt. Marta geht eine Vernunftehe mit Dr. von Simon ein. Lieschen wird in eine Zwangserziehungsanstalt gebracht, Carl betrinkt sich, und schickt Eduard fort. „Eduard tritt mit gesenktem Kopf den Heimweg an.“

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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