Arnold Zweig (1887 – 1968) (7. Reise)

Der Streit um den Sergeanten Grischa (Roman, 1927)

„Wir, Menschen die so gerne achten und das Achtbare und Echte überall suchten, sehen uns mit einem manchmal wahrhaft heißen Glück plötzlich, über Nacht, aus einem Volk ichsüchtiger Krämer und patriotisch-politischer Phrasendrescher das große tüchtige deutsche Volk erwachen; der fette Bürger, unser Antagonist, lernt plötzlich wieder sich einordnen, opfern, echt fühlen – er verliert seine moralische Hässlichkeit, er wird schön! Dies schon beglückt; und so genügt es zu sagen, dass die Haltung des Heeres, des Einzelnen wie der Gesamtheit, des Gemeinen wie der Leitung, der Zurückgebliebenen wie derer in der Front, ganz herrlich ist – ein jauchzendes, tollkühnes Entzücken vibriert in mir, wenn ich die Zeitungen lese,“ schreibt Arnold Zweig am 27. August 1914 der Schriftstellerin Helene Weyl, mit der er befreundet war. Wie so viele ließ sich Zweig von der allgemeinen Kriegsbegeisterung mitreißen.

Jahre später ist der Autor ernüchtert. Am 28. März 1918 schreibt er Helene Weyl: „Ich bin der Überzeugung 1) dass schon vor dem Kriege alle Tendenzen des internationalen Lebens stetig wachsend auf Ausschaltung der blutigen Gewalt hinwirkten, 2) dass der Krieg einen Hass gezeitigt hat, der nur in einem Jahrhundert besiegbar sein wird, 3) dass der Friedensschluss, der diesen Krieg beendet, nicht jene neue Lage schaffen wird, die das neue Europa ermöglicht und 4) dass ethische, rechtliche, aesthetische, und religiöse Kultur und dass alle Zivilisation – Reise-, Wohnungs-, Kleidungs-, Nahrungs-, Reinigungsmittel – auf den Stand von 1850 ohne die sichere Kulturtradition jener Biedermeierzeit zurückgeworfen ist.“

Zu diesem Zeitpunkt war Grischa bereits konzipiert, 1921 wurde der Stoff zunächst als Drama niedergeschrieben. Im Winter 1926/27 schließlich machte sich der Schriftsteller daran, den Roman zu verfassen. Von einer sich verschlechternden Sehfähigkeit gehandicapt, diktierte Zweig seiner Sekretärin den Antikriegsroman während 63 Vormittagen in den Stenoblock.

Heimweh und Sorge um seine Frau und sein Kind treiben den russischen Sergeanten Grigorij Iljitsch Paprotkin, genannt Grischa, zur Flucht aus einem deutschen Gefangenenlager. Bei seiner Flucht stößt Grischa auf russische Partisanen, angeführt von der jungen Frau Babka, die seine Geliebte wird. Von ihr erhält er den Ausweis des verstorbenen Überläufers Bjuschew. Babka schärft Grischa ein, sich gegenüber den Deutschen als Bjuschew auszugeben. Das erweist sich als verhängnisvoll, als er von einer deutschen Streife gefangengenommen wird. Grischa wird als russischer Spion verdächtigt, und zum Tode verurteilt.

Zwar kann Grischa seine wahre Identität beweisen, und das Todesurteil wird vom zuständigen Kriegsgericht revidiert. Doch Generalmajor Schieffenzahn ignoriert die juristische Zuständigkeit des Divisionskommandanten und gibt Befehl, das Urteil zu vollstrecken.

Babka, sie erwartet ein Kind von Grischa, unternimmt einen letzten Versuch, das Leben des geliebten Mannes zu retten. Doch ihr Vorschlag, den Wachsoldaten zu vergiften, wird von Grischa abgelehnt. Zur gleichen Zeit, als Grischa erschossen wird, bringt Babka sein Kind zur Welt.

„Über die Gesinnung des tapfern Friedenssoldaten Arnold Zweig ist nicht zu reden. Das Buch konnte, bei stärkster pazifistischer Wirkung, schwach sein – es ist sehr stark. Es wird wahrscheinlich mehr Menschen zum Nachdenken über das Wesen des Krieges bringen als alle Propagandaaufsätze der letzten Jahre – es bohrt sehr tief und wendet sich an ganz einfache Empfindungen; es sagt gewissermaßen: »Wir beide wollen uns doch nichts vormachen, wie –?« Endlich einmal wird der Krieg gar nicht diskutiert, sondern mit einer solchen Selbstverständlichkeit abgelehnt, wie er und seine Schlächter das verdienen. Erst heute –?“ äußert sich Kurt Tucholsky als Peter Panter am 13. Dezember 1927 in Die Weltbühne.

So wundert es nicht, dass Der Streit um den Sergeanten Grischa bereits kurz nach Erscheinen im Jahr 1927 im Potsdamer Gustav Kiepenheuer Verlag ein großer Erfolg ist. „Mein Roman, ein gutes Zeichen, wirkt ungeheuer stark auf die Männer, die es jetzt gibt, und zwar auf alle drei Generationen, die in Betracht kommen: auf die reife Vorkriegsgeneration, auf die intelligente Nachkriegsgeneration und auf die Kameraden unserer eigenen Generation, soweit sie noch am Leben sind ….“, schreibt Arnold Zweig am 27. Dezember 1927. Empfängerin des Briefes ist wieder Helene Weyl.

Und auch Lion Feuchtwanger stellt die Wirkung des Romans auf seine Leser heraus: „Herrlich ist, wie die Hunderte von Menschen dieses Buches nicht nur jeder für sich leben, sondern wie aus ihnen ihre Welt und die Welt überhaupt gemacht ist. Eine fast übergerecht einfühlsame Kunst versetzt einen Tatbestand mit blitzschneller Drehung aus der Seele des einen in die Seele des anderen, so daß er von allen Seiten sein Licht erhält. Alles Licht aber mündet wieder ein in den Kegel um den Mann Grischa.“

Der Roman liegt als Aufbau Taschenbuch vor (ISBN 978-3746652078, 10,95 Euro). Ebenfalls als Aufbau Taschenbuch ist Um Deutschland geht es uns. Arnold Zweig: Eine Biographie erhältlich (ISBN 978-3746611839, 9,50 Euro). Sehr lesenswert ist der Briefwechsel des Ehepaares Zweig mit Helene Weyl. Komm her, wir lieben dich. Briefe einer ungewöhnlichen Freundschaft zu dritt können Sie ebenfalls über jede Buchhandlung beziehen (ISBN 978-3351034399, 6,95 Euro).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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