Anna Seghers (1900 – 1983) (3. Reise)

Der Aufstand der Fischer von St. Barbara (Erzählung, 1928)

„Aufruhr wächst. Wenn er nur wird! Revolutionsmythos!“, notierte Anna Seghers am 12. Januar 1925 in ihr Tagebuch, und entwirft damit erste Pläne zu einer Geschichte, in der ein Bergarbeiteraufstand beschrieben werden soll. Das Motiv für ihre Erzählung Der Aufstand der Fischer von St. Barbara hatte sie gefunden, drei Jahre später wurde ihr Erstling im Potsdamer Gustav Kiepenheuer Verlag veröffentlicht. Noch im gleichen Jahr erhielt sie hierfür den renommierten Kleist-Preis.

Vorgeschlagen wurde Anna Seghers dafür von Hans Henny Jahnn. In seiner Begründung für die Preisvergabe sagte er: „Ein gutes Buch mit knapper und sehr deutlicher Sprache, in dem auch die geringste Figur Leben gewinnt. In dem die Tendenz schwächer ist als die Kraft des Menschlichen. Es ist ein Daseinsvorgang in fast metaphysischer Verklärung. Das nenne ich Kunst. Darüber hinaus: Die Darstellungsart wirbt sogar bei fast Herzlosen für die Tendenz.“

Und dabei konnte man doch gerade von Anna Seghers Tendenzliteratur, d. h. eine Erzählung mit einer eindeutigen, leidenschaftlich vertretenen politischen Orientierung erwarten. Im Jahr der Kleist-Preisverleihung tritt sie der KPD bei, wird ein Jahr später Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.

Die Erzählung ist vom ersten Satz an nüchtern und sachlich gehalten. Bereits im ersten Abschnitt fasst Seghers chronikartig die Ergebnisse des Aufstandes zusammen. Allein der letzte Satz dieses Abschnittes „Aber längst, nachdem die Soldaten abgezogen, die Fischer auf See waren, saß der Aufstand noch auf dem leeren, weißen, sommerlichen kahlen Marktplatz und dachte ruhig an die Seinigen, die er geboren, gepflegt und behütet hatte für das, was für sie am besten war.“ hebt die Darstellung von nüchterner Betrachtung hin zu einem bedeutungsvollen Ereignis von zeitloser Gültigkeit. Dieser Satz führt in die Erzählung ein.

Zwei schlechte Jahre, in denen weniger Fische gefangen und weniger Geld für die Fische bezahlt wurden, lasten auf St. Barbara und den umliegenden Dörfern. Die Menschen leben am Existenzminimum. Als der Revolutionär Hull nach St. Barbara kommt, gelingt es ihm, die Fischer gegen die Ausbeutung der Reeder zu organisieren. Man beschließt, für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu streiken und die Fangausfahrten zu verweigern. Vor allen Dingen von dem jungen Andreas, dem alten Kedennek sowie der Prostituierten Marie erhält Hull Unterstützung.

Während des Pfingstmarktes verweigert sich Marie einem jungen Reederssohn, der daraufhin von den erbosten Fischern niedergeschlagen wird. Als Ergebnis dieses Ereignisses werden Soldaten in die Stadt verlegt.

Die Soldaten schlagen den Aufstand der Fischer blutig nieder. Andreas und Kedennek sterben dabei, und Hull, bereits aus St. Barbara abgereist, treibt es in die Stadt, in die Verhaftung und den sicheren Tod zurück. Lediglich das Schicksal Maries bleibt im Ungewissen.

Es folgt die Ausfahrt der Fischer zu den alten Bedingungen.

Die von der Unterdrückung Besitzloser durch die Besitzenden handelnde Erzählung ist als Aufbau Taschenbuch erhältlich (ISBN 978-3746651507, 6,50 Euro) und kann auch als gebundene Ausgabe erworben werden (ebenfalls Aufbau Verlag, ISBN 978-3351034511, 22,50 Euro).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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