Alexander Spoerl (1917 – 1978) (2. Reise)

Memoiren eines mittelmäßigen Schülers (Roman, 1950)

Es gibt Tage, da will einem nichts gelingen. Zu allem Überfluss nerven einen Leute am Telefon oder schieben einem ihren Einkaufswagen an der Supermarktkasse in die Hacken. Wie gut, dass es Ahoj-Brausepulver-Tütchen gibt: Tütchen aufreißen, in die Hand schütten, draufspucken und die Hand ablecken. Das schmeckt herrlich sauer, man verzieht das Gesicht und schon ist die schlechte Laune verflogen. Ist gerade mal kein Tütchen zur Hand, gehe ich ans Bücherregal und ziehe Alexander Spoerls Memoiren eines mittelmäßigen Schülers heraus. Zwei, drei Seiten lesen reichen aus, und es treibt einem vor Lachen die Tränen in die Augen. Fantastisch.

Ich habe lang überlegt, ob ich Spoerl und seinen Roman in dieses Buch aufnehmen soll. Schließlich publizierte der Autor erstmals 1949 (in Zusammenarbeit mit seinem Vater Heinrich Spoerl), und die Memoiren eines mittelmäßigen Schülers sind erst im Jahr 1950 erschienen. Aber schließlich hat Spoerl seine Kindheit und Jugend in der Zeit der Weimarer Republik verbracht, und im ersten Teil seines autobiografischen Romans beschreibt er mit trockenem Humor und stets den Nagel auf den Kopf treffend die Weimarer Zeit. Ein Beispiel, die Geldentwertung in den ersten Jahren der Republik betreffend: „In der Schule lernten wir aber noch Rechnen, der Anschaulichkeit halber mit Äpfeln. Ich mochte bald keine Äpfel mehr, und als die Äpfel gar multipliziert wurden zum Apfeleinmaleins, fand ich sie sauer. Und unfassbar waren mir die Nullen. Eine Null ist nichts, und wenn man sie noch so oft zusammenzählt, drei und null bleibt drei, und noch eine Null bleibt immer noch drei. Und doch hat die Null viel zu sagen, denn wenn sie hinter einer Zahl steht, ist die Zahl gleich das Zehnfache wert. Ich konnte damals noch nicht wissen, daß es in der Algebra ist wie im Leben! Je mehr Nullen hinter etwas stehen, um so größer ist die Macht! Denn die Nullen geben die Stelle an. Und damals lebten wir in Zeiten der Nullen: Wenn Vati Geld bekommen hatte, dann schob er es schnell unter der Sprechzimmertür durch, Geld mit vielen Nullen, und Mutti sauste damit zum Metzger, aber in der Viertelstunde, die dazwischen lag, gehörten schon wieder mehr Nullen dahinter.“

Ein weiteres Beispiel: „Und so war ich mit meinem Leben zufrieden und stolz auf unser Zeitalter mit Röntgen und Radio, Straßenbahn und Gedankenfreiheit. Und immer war etwas los: die Kommunisten marschierten durch die Straßen und warfen die Fensterscheiben der Cafés ein, und dann kam die Polizei auf Pferden; die Nazis hielten Versammlungen ab und verprügelten Leute, die anderer Meinung waren.“

Ein tolles Buch (und ein wichtiges Zeitdokument), das leider zurzeit nur antiquarisch erhältlich ist, beispielsweise beim „Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ (www.zvab.com).

Jörg Mielczarek:
Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften
Meine Reisen durch die Literatur der Weimarer Republik

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